Gastbeitrag: Schachgemeinschaft 1871 Löberitz

Schachgemeinschaft 1871 Löberitz e.V.

Bild: www.sg1871loeberitz.de

Die „Schachgemeinschaft“ wurde 1871 als bürgerlicher Verein „Löberitzer Schachclub“ durch den Gasthofbesitzer Friedrich Franz Ohme und dem Privatlehrer Johann Melchior Kirsch gegründet, war Mitbegründer des Deutschen Schachbundes sowie des regional bedeutenden Saaleschachbundes als Vorläufer des jetzigen Landesschachverbandes von Sachsen-Anhalt, etablierte sich nach dem II. Weltkrieg im deutschen Schachverband der DDR unter den durch den Trägerverein auf diktierten unterschiedlichsten Namen, um dann nach der Wiedervereinigung die Gelegenheit zu nutzen, wieder die juristische Selbständigkeit zu erlangen.

Jährlich wird im letzten Juniwochenende der Vereinsgeburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass finden als Höhepunkt im abwechslungsreichen Vereinsleben die „Löberitzer Schachtage“ mit vielen Besuchern aus allen Teilen Deutschlands und aus dem Ausland statt. Der vereinseigene „Schachclub“ und die benachbarte Grundschule machen solch´ volksnahe Großveranstaltungen möglich

Für alle Schachfreunde aber, die Löberitz noch nicht kennen sollten, hier einige Informationen: Der 1000 Einwohner zählende Ort Löberitz, der jetzt in die Stadt Zörbig eingemeindet worden ist, liegt in Sachsen-Anhalt unmittelbar an der A9 zwischen Leipzig, Halleund Dessau.

Schachmuseum Löberitz 

In Löberitz wird seit 1871 eine einmalige Schachtradition gepflegt. Die Schachgemeinschaft 1871 Löberitz als ältester Schachverein des Landes Sachsen-Anhalt ist Träger dieser Tradition und auch des Museums. Untergebracht ist die historische Sammlung in einem Seitentrakt eines ehemaligen Rittergutes auf dem Löberitzer Sportgelände und gegenüber der Grundschule im Zörbiger Ortsteil Löberitz. Herren auf diesem Rittergut waren nachweisbar zwischen 1461 und 1560 derer von Schilling.  Eigentlich erinnert nichts mehr, mit Ausnahme eines Kellergewölbes, an die alten Gebäude, denn nach mehrerer Umbaumaßnahmen und tiefgreifenden Sanierungen hat dort die Kindertagesstätte einen Platz gefunden und auch die Fußballer, die Schachgemeinschaft und die Löberitzer Liedertafel haben dort ihre Heimat. Sport, Kultur und Bildung sind hier konzentriert und geben von dort starke Impulse für das Kulturleben des Ortes. Auch äußerlich können sich die Gebäude sehen lassen.

Alle historischen Dokumentationen und Belege des Schachmuseums haben zum großen Teil ihren Ursprung in der Löberitzer Schachgeschichte, die in einer über 10.000 Seiten umfassende Schachchronik Auskunft über diese lange Tradition gibt.  Die ausgestellten Exponate gliedern sich vorrangig in vier Bereiche:

1. Darstellung der Löberitzer Schachgeschichte

Hierbei soll versucht werden, die Löberitzer Schachgeschichte, die natürlich in den vorhandenen Chroniken noch ausführlicher belegt ist, kurz und übersichtlich darzustellen. Es handelt sich um einen chronologischen Ablauf, der an bestimmten Höhepunkten intensiviert und mit Zeitzeugnissen ergänzt wird.

2. Schachbibliothek

Mit über 1.400 Büchern, Broschüren und Zeitschriften bildet die Sammlung von Konrad Reiß das Grundgerüst für die in unterschiedlichen Genres aufgeteilte Bibliothek. Inzwischen ist der Bestand schon auf über 3.000 Exemplare aus vielen Ländern und in unterschiedlichsten Sprachen angewachsen. Die Schachbibliothek steht im Zeichen der Hl. Theresia von Avila, der Schutzpatronin der Schachspieler und Schriftsteller. Die ebenfalls dort ausgestellte Figur stammt direkt aus der mittelspanischen Stadt Avila. Als Nummer 1 ist im Bestand die „Deutsche Schachzeitung“ des Jahres 1878 deklariert. Dieser Jahrgang ist das einzige Buch, welches noch nachweisbar direkt vom Löberitzer Schachclub überliefert ist. Eine Eintragung auf der Innenseite im vorderen Einbandteil mit der Inschrift „Eigenthum des Löberitzer Schachclubs“ kündet davon.

Doch auch äußerst seltene Bücher sind hier zu finden. Zu nennen ist hier „Das Schachspiel in seiner eigenthümlichen und höheren Bedeutung“ von einem unbekannten Autor, gedruckt 1836 von G. R. Renner und Schuster in Nürnberg. Es enthält als erstes Buch überhaupt einen Entwurf zur Gründung eines Schachbundes. Das wohl wertvollste Buch ist aber das „Das Schach – oder König – Spiel“ von Gustavus Selenus aus dem Jahre 1617. Es gehört zu den bekanntesten und wichtigsten Zeugnissen der deutschen Schachliteratur. Es wurde vom Herzog August dem  Jüngeren von Braunschweig – Lüneburg unter dem Pseudonym Gustavus Selenus verfasst und in Leipzig in Druck gegeben. Das Buch enthält eine Widmung des Autors und bekannt ist auch der spätere Werdegang dieses einzelnen Buches. Von Bedeutung für die Geschichtsforschung sind auch die ca. 500 vorhandenen Schachzeitungs-Jahrgänge.

So liegt die Zeitschrift SCHACH (früher Schach-Express) ab 1947 und die Deutschen Schachblätter von 1948-1986 komplett vor. Durch beide Periodika können die unterschiedlichen Schachentwicklungen in Ost- und Westdeutschland verfolgt und verglichen werden. Selbstverständlich ist auch für die Region bedeutende ROCHADE ab dem Erscheinen in Sachsen-Anhalt vollständig einsehbar. Der Buchbestand ist digital erfasst.

3. Schachbriefmarke

Die Schachbriefmarken, die fachkundig von dem Philatelisten Benny Berger aufbereitet wurden, zeigen in einem großen Triptychon die Vielfältigkeit und die Darstellungsmöglichkeiten des Schachspiels, seinen Meistern und seiner Historie. Wissenswertes ist zu erfahren über die Entstehung des Schachspiels, über die einzelnen Figuren und deren Zugmöglichkeiten. Näher wird auch auf den bisherigen einzigen deutschen Weltmeister Dr. Emanuel Lasker eingegangen. Der Höhepunkt der Sammlung sind die drei kompletten Bögen von DDR-Schachbriefmarken der Schacholympiade, die 1960 in Leipzig stattfand. Zu sehen sind aber auch echt gelaufene Briefe mit interessanten Aufdrucken und Schachpoststempel. Nicht unerwähnt soll der kleine Abriss der allgemeinen Geschichte der Briefmarkenkunde bleiben.

4. Ausstellungsgegenstände

Hier wird all das gezeigt, was das Herz eines Schachenthusiasten höher schlagen lässt. Schachfiguren und Bretter aus vier Jahrhunderten, Schachuhren, Wimpel, Abzeichen und Medaillen. Die meisten Exponate haben einen regionalen Bezug. Sehr stolz kann sich das Museum über drei Figurensätze aus der Anfangszeit des Löberitzer Schachclubs fühlen. Das älteste Exponat ist jedoch ein Schachbrett aus Gusseisen, das vom ehemaligen Vizepräsidenten des Schachverbandes der DDR, Erwin Kupka aus Halle/Ammendorf,  stammt, und auf 1731 datiert werden kann. Auch wer sich für Schachcomputer interessiert, kann hier einige Geräte in Augenschein nehmen. Der wohl historisch wertvollste ist der erste DDR-Schachcomputer. Er wurde nur in einer Anzahl von 1000 Stück gebaut und für die zur damaligen Zeit enorme Summe von über 2000 DDR-Mark verkauft. Zu sehen sind auch ein originaler Schachtisch von der Leipziger Schacholympiade aus dem Jahre 1960 und der Schachtisch, den der Internationale Meister Heinz Liebert 1954 von seiner Heimatgemeinde Groß Dubrau für die Erringung des Titels eines gesamtdeutschen Jugendmeisters erhielt.

Webseite: www.sg1871loeberitz.de